Facetten des Hörspiels
von Dr. Lutz Volke, Leiter der Hörspielabteilung beim RBB
Eigentlich kann man nicht sagen, dass
es DAS Hörspiel gibt und somit dann auch nicht DIE Dramaturgie des
Hörspiels. Es gibt eine Unmenge von Hörspielen.
Wenn man will, kann man sie in Schubfächer einordnen, kann zwischen
dramatischen, epischen oder lyrischen Hörspielen unterscheiden, kann
vom literarischen, dokumentarischen, vom Originalton-Hörspiel, von
der inneren Bühne sprechen, vom alten, vom Neuen Hörspiel, vom
experimentellen, vom Schall- oder Klangspiel, von akustischen Collagen.
Bis hin zum Pop-Hörspiel. Alle diese Bezeichnungen hat es in der
bald 80-jährigen Geschichte des Hörspiels schon gegeben.
Was will das besagen?
Die Form des Hörspiels läßt sich nicht
festmachen. Sie ist nach allen Seiten hin offen. Das akustische Medium
gestattet unerhörte Freiheiten. "Alles ist möglich. Alles
ist erlaubt." (Helmut Heißenbüttel im "Horoskop des
Hörspiels")
Obwohl alles möglich ist, funktioniert nicht alles und die Mittel
lassen sich nicht beliebig einsetzen. Da das Hörspiel in der Regel
ein Gesamtkunstwerk ist, in dem Sprache, Geräusche und Musik gleichwertig
nebeneinander bestehen können, ist eine gewisse Ordnung vonnöten.
Nervend ist ein Klanghintergrund - ob nun Musik, Geräusche oder Stimmen
-, der nichts als Kulisse ist. Das Hörspiel ist - im Gegensatz zur
Bühne oder zum Film - auf Kulissen nicht angewiesen. Hier stellt
jedes akustische Zeichen einen Wert dar, den der Hörer in den Sinnzusammenhang
einordnen muß.
Das Hörspiel ist beileibe keine "einfache"
Kunstform, weil sie sich nur an den einen Sinn wendet, der allerdings
als der empfindlichste unserer Sinnesorgane bezeichnet wird. Auch der
geschulte Hörer weiß, daß Hörspiele (abgesehen vielleicht
von Hörspielen aus dem unterhaltenden Genre) ungeteilte Aufmerksamkeit
erfordern.
Die sich überlagernden Zeichensysteme Sprache,
Geräusch, Musik müssen im Kopf decodiert [entschlüsselt]
werden.
Hinzu kommen die unterschiedlichen Räume, in denen Hörspiele
aufgenommen werden oder spielen. Aber gerade die Komplexizität, die
trotzdem eine Definition des einzelnen Zeichens erlaubt, ist der Vorteil
des Hörspiels und macht seine Einmaligkeit aus.
Hörer haben immer wieder hervorgehoben, daß
bestimmte Texte (Wörter) oder Klänge bei ihnen Assoziationen
hervorgerufen und die Phantasie freigesetzt haben.
Die Hörspielmacher haben das bald nach der Entstehung
des Genres Hörspiel - sei es in textualen Zusammenhängen oder
über Klänge - zu nutzen gewußt:
Schon Ende der zwanziger Jahre hat Walter Ruttmann ein kleines Hörspiel
komponiert, "Weekend", das ausschließlich in Geräuschen
von einem Wochenende in der Großstadt erzählt.
So stand schon am Anfang dem sprachlich dominierten
Hörspiel das akustische Spiel gegenüber.
Diese beiden Grundformen des Hörspiels haben
sich bis heute erhalten. Natürlich haben sie sich entwickelt, haben
sich auch ineinander verflochten. Die Sprache selbst wurde im sogenannten
Neuen Hörspiel auf ihre akustische Materialität hin abgeklopft
und nicht nur in semantischen [Bedeutungs- ] Zusammenhängen gebraucht.
Immer noch gibt es den Hörspielautor, der seinen Text in Dialog-
oder Monologform niederschreibt, aber in zunehmendem Maße sind die
Hörspielmacher ihre eigenen Toningenieure und Arrangeure des akustischen
Materials. Die Hörspiele aus jüngster Zeit verzichten oft auf
das Erzählen, sei es mit sprachlichen oder klanglich-musikalischen
Mitteln. Sie arbeiten assoziativ mit Sprache und/oder Klängen.
Dahinter sollte dennoch eine erkennbare Organisation
des Materials stehen. Eine Frage darf man sich bei aller Freude am Experiment
nicht ersparen: Was will ich mit welchen Mitteln erreichen? Für das
Hörspiel gilt - wie bei den meisten Künsten: Learning by doing.
Gute Beispiele (natürlich auch schlechte) gibt es genug.
Weiterführende
Literatur:
Schwitzke, Heinz: Das Hörspiel. Dramaturgie und Geschichte. Köln/Berlin 1963.
Knilli, Friedrich: Deutsche Lautsprecher. Versuch einer Semiotik des Radios. (Texte Metzler 11). Stuttgart 1970
Knilli, Friedrich: Das Hörspiel. Mittel und Möglichkeiten eines totalen Schallspiels. (Urban-Bücher Bd. 58). Stuttgart 1961.
Klippert, Werner: Elemente des Hörspiels. (Reclams UB 9820 /2/). Stuttgart 1977.
Neues Hörspiel. Essays, Analysen, Gespräche. Hrsg. v. Klaus Schöning (edition suhrkamp 476). Frankfurt a.M. 1970.
Döhl, Reinhard: Das Neue Hörspiel. Geschichte und Typologie des Hörspiels 5. WDR Köln 1988
Sprache im technischen Zeitalter (LCB Berlin, 29. Jg., H. 117, 1991): Hörspiel-Postionen. Beiträge zu einer ästhetischen Theorie des Radios. Zusammenstellung des Heftes: Manfred Mixner