Vortrag beim Symposion 50 Jahre Musique
concrète [druckansicht]
INVENTIONEN 98 - 24. bis 26. September 1998
von Manfred Mixner
Meine Damen und Herren, mein kurzes Referat zum Thema Bewußtseinsklänge
oder Der Ort des Radios ist der Versuch, aus unmittelbaren Erfahrungen
eine flüchtige phänomenologische Skizze einiger Aspekte der Geschichte
des Radios zu zeichnen, in Umrißlinien anzudeuten, wie die Vermischung
von endogener und exogener Beobachtung des Phänomens Radio eine nicht-normative
ästhetische Theorie und Praxis des Radios ermöglicht, das freilich
um den Preis einer Fragmentarisierung des pragmatischen Wirklichkeitsbezugs.
Im Berliner Haus des Rundfunks, in den Redaktionsräumen, in
den Korridoren, in den Studios, auf den Regieplätzen, im großen Sendesaal
oder im Lichthof, seltener in den Sitzungssälen, hat man gedankenlos die
Gewißheit, hier sei der Ort des Radios, hier finde es statt, hier werde
es gemacht. Im Sendestudio vor dem Mikrophon sitzend und redend, etwas vorlesend
oder erzählend, eine Produktion ansagend, einleitend, auch beim Abspielen
eines Tonträgers, findet das Radio sein simples Hier und Jetzt. Wenn sich
da manchmal für wenige Sekunden der inneren Abwesenheit der Blick der Fremde
und Befremdung einstellt, frage ich mich, wo es denn nun sei, das Radio, und
was es sei, woher es komme und worin es bestehe. Was sichtbar ist, das sind
seltsame Einrichtungsgegenstände und Gerätschaften, und was hörbar
wird, das hat der in Karlsruhe am ZKM arbeitende Komponist Johannes Goebel einmal
als den Wechsel von dicker und dünner Luft bezeichnet, es ist nicht greifbar,
und es hat keine Dauer, es ist nichts. In das folgende Nachdenken über
die Geschichte des Radios, über die Programmentwicklung und über die
ästhetischen Potentiale des Radios mischen sich Erinnerungen an die Zeit
vor der Selbstverständlichkeit des Mediums.
Das Radio als Technik der Magie schafft eine Art von Gleichzeitigkeit im Hier
und Dort, es durchdringt Räume. Die Rundfunk-Empfangsgeräte bis in
die Fünfziger- und Sechzigerjahren hatten eine wunderbare Kontrollanzeige:
wenn der Sender richtig eingestellt war, dann schoben sich zwei hellgrün
leuchtende Balken aneinander, bei Empfangsstörungen flackerte dieses magische
Auge. Radio, das hatte damals für mich seinen Ort hinter dem grünen
Auge, das signalisierte, ob man Verbindung hatte zu etwas, das die Grenzen des
eigenen, physisch erfahrbaren Bewegungsraumes überwinden konnte. Radiohören
war so etwas Ähnliches wie zwischen die Dinge schauen, eine Art Expedition
in unbekannte Welten, ein Suchen nach dem Anderen im Eigenen. Und ich hatte
die Vorstellung, daß Radio überall sein konnte. Als kleiner Junge
bastelte ich mit Spulen und irgendwelchen Dioden, und in eine kleine, handtellergroße
Bakelitdose baute ich einen Magneten und ein dünnes Blechblättchen
ein, das fragile Gerät diente dann als Radioapparat, der Drahteinsatz meines
Bettgestells im Internat war die Antenne. Ob mir damals schon klar war, daß
der Begriff Apparat für das Radio zweierlei meint, das Empfangsgerät
und die Institution, weiß ich nicht. Radio war jedenfalls körperlos,
es war überall und nirgendwo, von wem und wo und wie es gemacht wurde,
war für mich nicht interessant, solange es für angenehme Gesellschaft,
bzw. gute Laune sorgte. Als familiäre Erbauungseinrichtung und als verlängerter
Arm der staatlichen Erziehungsinstanzen war das Radio gründlich zu verachten
und zu meiden. Der kleine heimliche Apparat bot hingegen die Möglichkeit,
aus einer engen Wirklichkeit in einen weiten Phantasieraum zu entkommen. Einige
Jahre später: Mit den schicken kleinen Kofferradios konnte der moderne
Radiohörer selbstbewußt aus dem intimen privaten Bereich heraustreten,
aus der geschlossenen Gesellschaft, das Radio verlor endgültig seine Magie,
die Klangwelt aus dem Unsichtbaren wurde beliebig einsetzbar, mitunter auch
als soziale Provokation. Die Marginalisierung des Mediums Hörfunk durch
das Fernsehen verdrängte für lange Zeit die Frage nach dem Ort des
Radios, das mehr und mehr zu einer selbstverständlichen Nebensächlichkeit
wurde.
Als Primärmedium war das Radio in seinen Anfängen ein Mittel zur kulturellen
Erziehung, gerierte sich als moralische Anstalt, es war ein Verlautbarungsorgan,
ein telematisch operierendes politisch-soziales Steuerungsinstrument. Daß
es als Wunschmaschine kommerzialisierbar war, ein ökonomisches Potential
enthielt, das war den ernsthaften Europäern nicht geheuer, verdient wurde
jahrzehntelang nur an den Geräten, nicht am Programm. Als Sekundärmedium
verlor das Radio nach Einführung des Fernsehens in den Sechzigerjahren
an Aufmerksamkeit, der Machtverlust war begleitet von einer Pluralisierung seiner
Erscheinungsformen. Mit der Ausbildung umfassenderer elektronischer Kommunikationsmittel
in den Neunzigerjahren degeneriert es schließlich zum Begleitmedium und
Spartenradio, und jetzt, da es endgültig harmlos ist, wird es im deutschen
Sprachraum auch mit seinem Programm dem Markt überlassen, gleichsam als
triviales gesellschaftliches Reflexmuster.
Auf diesem Grobraster der Radiogeschichte lassen sich interessante Parallelen
und Gegenläufigkeiten innerhalb der Programmentwicklung beobachten. In
der Anfangszeit des Radios waren Form und Inhalt des Programmangebotes auf einem
einheitlichen produktionsästhetischen Niveau, was sich übrigens auch
an den noch nicht ausdifferenzierten Berufsbildern ablesen läßt.
Zwischen Journalismus und Radiokunstproduktion gab es fließende Grenzen:
in der Berliner Funkstunde trat zum Beispiel Alfred Braun als Reporter vom Avus-Rennen
auf, sprach Nachrichten, machte Programmansagen, führte Gespräche
mit Gelehrten und Künstlern vor dem Mikrophon, inszenierte Hörspiele,
las literarische Texte vor und wirkte mitunter auch bei den direkt von Berliner
Bühnen übertragenen Sendespielen als Schauspieler mit. Das Programm
wurde - wie gesagt - als eine produktions-ästhetische Einheit verstanden.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer stärkeren, deutlicheren
Ausdifferenzierung der medienspezifischen Tätigkeiten, zu Spezialisierungen
der Mitarbeiter und damit zu einer ausgeprägteren Auffächerung in
verschiedene Programmbereiche. Waren es in der hohen Zeit des Radios noch Schriftstellerpersönlichkeiten,
die Führungspositionen im Rundfunk innehatten, so traten mit der Einführung
des Fernsehen immer mehr die politischen Journalisten hervor. Die Polarisierung
innerhalb des Mediums zwischen den Programmsparten Journalismus, Unterhaltung
und Kultur wurde immer stärker. Aus dem ursprünglichen einheitlichen
Vollprogramm wurden Strukturprogramme und aus diesen schließlich Spartenprogramme,
vom sogenannten Format-Radio ist nunmehr die fachsimpelnde Rede. Die ästhetische
Eigenreflexion des Mediums radikalisierte sich im Zuge dieser Entwicklung: aus
dem einfachen Sendespiel wurden technisch immer anspruchsvollere Hörspiele,
die sich dem massenmedialen Anpassungsdruck an Rezeptionskonventionen mehr oder
weniger verweigerten, es wurde immer deutlicher unterschieden zwischen Unterhaltung
und künstlerischem Anspruch, es entstand - oftmals auf einem internen Abstellgleis
- ein künstlerischer Laboratoriumsbereich, aus dem sich schließlich
eine Radiokunst entwickelte, die - der Mißachtung im alltäglichen
Programmbetrieb müde - ihre Verankerung nicht mehr ausschließlich
in der medialen Funktionsbindung suchte, sondern sich zunehmend als Teil des
allgemeinen Kunstbetriebes versteht, aus dem institutionalisierten Medium wieder
heraustritt in den freieren öffentlichen Kommunikationsraum. Je deutlicher
die Ablösungen vom alten volksbildnerischen Kulturationsauftrag in der
allgemeinen Programmentwicklung zu Tage treten, desto radikaler werden die Destruktionskonzepte
in der akustischen Kunst.
Die Geschichte des Radios, wie immer sie erzählt wird, setzt stillschweigend
ein lexikales Begriffsverständnis voraus: Übermittlung von Nachrichten
durch Ausstrahlung elektromagnetischer Wellen heißt Radio fälschlicherweise
im Großen Meyer, das Wort Radio meine einerseits das Rundfunkgerät
und andererseits den Rundfunk, und zu diesen Begriffen wird tabellarisch die
jeweilige Geschichte ausgebreitet - die Definitionen sind unbefriedigend. Woraus
besteht Radio, Rundfunk im Sinne von Hörfunk unabhängig von der Beschreibung
als zivilisatorische Einrichtung? Da sind Schallereignisse vor einem Mikrophon,
die übertragen oder auf Tonträgern aufgezeichnet werden; da gibt es
die Übertragungstechniken und die Maschinen, mit denen das aufgezeichnete
Material zugerichtet werden kann, die Abspielgeräte, die Empfangsgeräte,
die Lautsprecher, die Reproduktionsmittel für jene Schallereignisse, die
vor dem Mikrophon stattgefunden haben, die Tonträger. Ist das alles? Als
ich noch beim österreichischen Rundfunk gearbeitet habe, bin ich einmal
spät nachts in das Sendestudio gegangen. Das Wiener Funkhaus war leer,
der Pförtner döste vor sich hin, ich bin einen langen leeren und finsteren
Korridor entlang gegangen. Im dunklen Senderaum waren nur das Rotlicht und eine
Leselampe eingeschaltet, die verschiedenen Kontroll-Lämpchen blinkten,
der Techniker war nicht da, auf der Bandmaschine drehten sich die Teller, das
Band lief über den Tonkopf, die Lautsprecher waren sehr leise eingestellt.
Ich hatte plötzlich eine seltsam irreale Vorstellung: da ist eine Maschine
im Gang, die die im universalen Gedächtnis der Materie gespeicherten Klänge
aller vergangenen und künftigen Ereignisse reproduziert, losgelöst
vom menschlichen Alltag, unabhängig davon, ob jemand zuhört oder nicht.
Das erste deutsche Radioprogramm, der (laut BZ am Mittag vom 30.
Oktober 1923) Vergnügungs-Rundfunk wurde am 29. Oktober 1923
mit einer Ansage eingeleitet, einer Ortsangabe: Achtung! Hier Sendestelle
Berlin Voxhaus Welle 400. Dann sind, wie es damals hieß, die gebenden
Künstler eines etwa einstündigen Konzertes vorgestellt worden,
es folgte eine kurze Pause und dann setzte das Cello ein, gespielt wurde als
erstes Stück das Andantino von Kreisler. Nach dem Konzert wurde von einer
Schallplatte gesendet, natürlich war es eine Vox-Platte: Deutschland,
Deutschland über alles, gespielt von der Reichswehrkapelle. Am Anfang
also war das Wort, dann kam die Musik, und begleitet wurde das, mehr unfreiwillig,
von Geräuschen. Mit anderen Worten: Das einfachste Strukturmodell eines
multifunktionalen medialen Netzwerkes war in Betrieb genommen - kodierte akustische
Zeichenketten aller Art konnten nahezu zeitgleich und potentiell ohne räumliche
Beschränkung verbreitet werden. Wie man dabei die Medialisierung von Sprache
oder von Musik bewertet, ist eine Frage der Beschreibung und der Definition
der akustischen Materialien und der Handlungszusammenhänge, in denen sie
verwendet werden. Die ersten Konzerte, die im Radio übertragen wurden,
die Sendespiele, die Vorträge, die Lesungen, das alles sind Affirmationen
des kulturellen Standards. Die musique concrète hingegen
oder die Radia, die Radiokunst der italienischen Futuristen, hatten
ihren Ursprung in der fast allem künstlerischen Denken innewohnenden Destruktion
von Zuordnungs- und Gebrauchskonventionen der jeweiligen Zeichensysteme im kulturellen
Ausdrucksrepertoire. In diesem Spannungsfeld zwischen Affirmation des Gewohnten,
Eingespielten und dem Aufbrechen der Konventionen, dem Aktivieren der Innovationspotentiale,
bewegt sich Radio übrigens noch heute, auch als längst peripheres
Medium hat es seine eigene Faszinationskraft.
So deutliche Ortsangaben, wie die am Beginn der Geschichte des Radios stehenden,
sind - ebenso wie die regelmäßig wiederholten Zeitangaben, in der
Diskussion um die Ästhetik des Radios wenig beachtete konstante Programmelemente.
Die Funktion des Radioprogramms als akustische Uhr ist relativ selbstverständlich,
das Medium erweist damit seine Nützlichkeit unabhängig von seiner
Botschaft. Die Ortsangaben sind etwas schwieriger zu verstehen: die Institution
gibt sich zu erkennen, in der Regel auch mit einer realen Adresse, zumindest
mit einer Postanschrift oder einer Telefonnummer, wenn es ums Feedback, um eine
Teilhabe des Hörers am Programm oder um die sogenannte Hörerbindung
geht; auch die Produktionsstätte des Programms wird öfter
benannt, die Sendestelle. Aber alle diese Ortsangaben bezeichnen
nicht den eigentlichen Ort des Radios, sie suggerieren vielmehr eine räumliche
Wirklichkeitsverankerung und täuschen somit über die raumauflösende
Wirkungsweise des Mediums hinweg.
Ich komme zurück auf meinen Definitionsversuch des Radios als Instrument
zur zeitgleichen und potentiell räumlich unbeschränkten Verbreitung
kodierter akustischer Zeichenketten aller Art. Kodierung und Dekodierung dieser
Zeichenketten erfolgen (noch) über das menschliche Bewußtsein: Sprechen
und Musikmachen sind direkte Umsetzungen mentaler Prozesse in körperliche
Lautbildung, bzw. in eine Aktion mit entsprechenden Gerätschaften oder
Instrumenten (diese Definition schließt die elektro-akustische Musik ausdrücklich
mit ein). Und die Selektion oder das Arrangement von Aktionen und Konstellationen,
die mit unstrukturierten Schallereignissen, d.h. Geräuschen verbunden sind,
kann man ebenfalls als Ergebnisse mentaler Entscheidungsprozesse sehen.
Klangliche Gebilde, die wir sprechend, spielend und selektierend inszenieren
wären nach diesem Denkmodell Ausdruck von menschlichen Bewußtseinserfahrungen,
artifizielle Welten im Sinne Sybille Krämers, oder symbolische
Welten im Sinne Ernst Cassierers. Das Aktivum Radio (die Klangwelt vor
dem Mikrophon, im Studio und in den Laboratorien) ist in diesem Denkmodell der
Ort der Ausformung artifizieller, symbolischer akustischer Welten, d.h. der
Codierung von Bewußtseinserfahrungen einzelner oder einer Gruppe von Programmgestaltern.
Das Passivum Radio (die Klangwelt aus dem Lautsprecher) ist folglich der Ort
der Decodierung von Bewußtseinserfahrungen. Was wir hören und was
wir zu Gehör bringen läßt sich verstehen als symbolische Extension
von Denk- und Vorstellungsbewegungen, als Umsetzungen sowohl der sinnlichen
Repräsentationen von Wirklichkeit wie auch deren gedanklicher Abstraktion
im Bewußtsein.
Seit nunmehr fast drei Jahrzehnten höre ich fast an jedem meiner Arbeitstage
mindestens eine Sendung, die von Künstlern für das Radioprogramm produziert
worden ist. Das ist keine reine Freude. Vor allem beim Hören mit Kopfhörern
fühle ich mich oft an ein fremdes Bewußtsein angeschlossen, das mir
naturgemäß nicht immer sympathisch ist, das selten meinen Denk- und
meinen sinnlichen Repräsentationsmustern entspricht, oftmals meinem Weltbild
und meinen Erfahrungen diametral zuwider läuft. Mit der Zeit lernt man,
die Aggressionen, die dabei wachgerufen werden, im Zaum zu halten, auch wenn
man sich nicht daran gewöhnen kann. Immer gleich bleibt die Anstrengung,
die Fremdbestimmung zu neutralisieren, denn im Zuhören wird das eigene
Bewußtsein überlagert, in der Zeit des verstehenden Zuhörens
ist man ein Anderer - man kennt ja die schönen Sprüche: Ganz
hingegeben der Musik ... Als feierliche Zumutung kann man auch sagen:
Mit der Rezeption der ästhetischen Hervorbringungen des Mediums lernt ein
Individuum das ihm Fremde zu ertragen und zu verstehen und zu respektieren,
zuhörend erweitert die Persönlichkeit ihre Denk- und Vorstellungsmöglichkeiten.
Meine Damen und Herren, ich habe in einem freien Gedankenspiel eine subjektive
Ortsbestimmung des Radios zu geben versucht. Zum Schluß noch eine Andeutung:
Das Denkmodell scheint mir auch aus einer anderen Perspektive plausibel zu sein.
Geht man davon aus, daß der Entwicklungsprozeß der Medien kein ausschließlich
von politischen Hierarchien gesteuerter Prozeß ist, sondern zu einem Gutteil
der sogenannten Selbstorganisation unterliegt, wofür eine Vielzahl von
Indizien spricht, dann liegt es nahe, bei der Beschreibung des Modells nicht
das handelnde Individuum zum Ausgangspunkt aller Überlegungen zu nehmen,
sondern die gesamte Sozietät, innerhalb derer das jeweils zu beschreibende
Medium seine Wirkung entfaltet. Man zieht gleichsam die Summe aus den Erscheinungen:
aus der Beschreibung des Zustands aller Programmformen des Radios zu einem bestimmten
Zeitpunkt könnte man auf den kollektiven Bewußtseinszustand des jeweiligen
Gesellschaftskörpers schließen. Nicht nur für die Gegenwart
zweifellos eine reizvolle Aufgabe, zum Beispiel all die medialisierten Bewußtseinsklänge
eines Berliner Radiotages zusammenzufassen.