Arbeiter-Radio-Bewegung

Brecht Radiotheorie

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Arbeiter-Radio-Bewegung

Die Arbeiter-Radio-Bewegung (ARB) entsteht 1923 mit den Anfängen des Rundfunks in Deutschland. Sie will den Arbeitern und Minderheiten eine Stimme im neu entstehenden Massenmedium verleihen.

Ausgangspunkte einer Demokratisierungsbewegung des Rundfunks finden sich schon früher.Im November 1918 besetzen revolutionäre Arbeiter und Soldaten den zentralen Nachrichtenknotenpunkt des Deutschen Reiches, die Nachrichtenagentur "Wolffsches Telegrafenbureau" in Berlin. Sie nutzen das Medium zur Information und Koordination ihrer Räte.


1924 schließen sich radiobastelnde Arbeiter, darunter viele Funker der ehemaligen deutschen Streitkräfte zum Arbeiter-Radio-Klub Deutschland (ARK) zusammen.
Der ARK besteht zunächst überwiegend aus Sozialisten und Gewerkschaftlern, aber auch aus Mitgliedern der KPD.
In den folgenden Jahren entwickeln sich überall im Reich Ortsgruppen. Ihr Ziel ist, die werktätige Bevölkerung im neuen Massenmedium der zu etablieren.

In der Satzung des ARK heißt es:
"Der Arbeiter-Radio-Klub bezweckt:
-den Zusammenschluß aller am Radiowesen Interessierter aus Kreisen der werktätigen Bevölkerung in Deutschland
-die Errungenschaften des Radiowesens in den Dienst der kulturellen Bestrebungen der Arbeiterschaft zu stellen
-das Verständnis für die Radiotechnik zu wecken und zu fördern
(...)
-Einwirkungen auf die das Radiowesen bestimmende Gesetzgebung. Einflußnahme auf die Unternehmungen am Sender und Sendeprogramm (Der Neue Rundfunk, Jg. 1, Nr.16, 17.7.1926)

Doch die Weichen in Richtung regierungskonformer Nutzung sind bereits bei der Einführung des Rundfunks in Deutschland zu erkennen. Mit der Einrichtung von Sendestationen und der Verteilung von Sendelizenzen ist das Reichspostamt betraut. Faktisch werden diese Aufgabe aber von der Militärbürokratie ausgeübt.
Diese Tatsache erschwert den in Linksparteien und Gewerkschaften organisierten Arbeitern den Zugang zum Hörfunk.
Das Diktum der Überparteilichkeit und unpolitischen Ausrichtung der Radioprogramme wird vor allem gegen den ARK gewandt. Begründet wird dies damit, daß der ARK seine Mitglieder aus den Kreisen der Werktätigen rekrutiert und somit als Standesorganisation anzusehen sei, die ein politisches Programm verfolgt.

Seine primäre Aufgabe sieht der ARK zunächst darin, Bastelgruppen zu bilden, um Empfänger herzustellen und somit die technischen Voraussetzungen für eine Beteiligung am Rundfunkgeschehen zu erfüllen. Da Sendungen des ARK grundsätzlich nicht ausgestrahlt werden, kommt der Vereinszeitschrift "Arbeiterfunk" die Aufgabe zu, die Arbeiterschaft über das Rundfunkwesen zu informieren. Aktuelle politische Entscheidungen im Rundfunkwesen werden kommentiert und kritisiert. Bastelanleitungen veröffentlicht und Hinweise gegeben, wie der Langwellenempfang vorhandener Geräte auf den Empfang von Radio Moskau umgebaut werden kann.

1926 erhalten die neun bestehenden Rundfunkanstalten der Reichsrundfunkgesellschaft eine auf öffentlichem Recht beruhenden Konzession. Bedingungen hinsichtlich ihrer inneren Organisation und Programmgestaltung sind:
-das Programm wird durch Überwachungsausschüsse und Kulturbeiräte kontrolliert
-eine amtliche Nachrichtenstelle für den Rundfunk wird installiert
-Buch und Presse (staatliche Gesellschaft) wird umbenannt in Drahtlose Dienst AG (DRADAG) und überwiegend durch Regierungsvertreter kontrolliert.

Die DRADAG hat das alleinige Recht, Nachrichten herauszugeben. Außerdem kann sie die Verbreitung bestimmter Informationen anordnen. Ein entscheidender Schritt in Richtung völliger Kontrolle des Rundfunkwesens ist damit getan.

1928 benennt sich der ARK in Arbeiter-Radio-Bund Deutschland e.V. (ARB) um.
Die Differenzen zwischen Sozialisten und Kommunisten im Verein werden immer deutlicher. Während die SPD auf die demokratischen Fundamente der Regierung vertraut und eine gewisse Ordnung des Rundfunks befürwortet, äußern die Kommunisten Bedenken über das neue Zensurinstrumentarium.
Der ARB (mit einer deutlichen SPD-Mehrheit) verabschiedet im Herbst 1928 neue Richtlinien, die die ursprüngliche Hauptforderung nach einem Arbeitersender nicht mehr beinhalten.
Die ARB-Ortsgruppe Berlin verfügt als einzige über eine KPD-Mehrheit. Sie veröffentlicht ein eigenes Mitteilungsblatt. (Der aktive Radiogenosse, später Unser Sender und Arbeitersender) Die Ortsgruppe Berlin wird wegen fortgesetzter Parteipolitik innerhalb der ARB vom Verein ausgeschlossen. Am 11.11.1928 wird der Freie-Radio-Bund-Deutschland gebildet (FRBD), der sich wiederum in die Interessengemeinschaft für Arbeiterkultur (IfA) eingliedert.
Die Interessen des ARBs und des FRBD laufen immer weiter auseinander. Während der ARB sich immer mehr dem Bürgertum nähert, begibt sich der FRBD, bedingt durch die fortschreitende Verstaatlichung bis 1932, an die Grenzen der Illegalität. Die Kommunisten bauen Empfangsverstärker, organisieren Abhörgemeinschaften, bestücken Lastwagen mit Lautsprechern, um ihre vom Radio ausgegrenzten Sendungen zu verbreiten. Sie arbeiten an Piratensendern, während der ARB in seinem "Arbeiterfunk" Tanzkurse nach Radiomusik anbietet. Neben offenen Protestaktionen wird auch die versteckte und dadurch "sendefähige" Aufklärungsarbeit durch Radiokunst wiederentdeckt. Hörspiele, die im Arbeitermillieu angesiedelt sind, leisten künstlerisch aufbereitete Gesellschaftskritik. (Neben Brecht sind auch Friedrich Wolf und Georg W.Pijet zu nennen)

Ab 1932 häufen sich die Zensurfälle. In der Endphase der Weimarer Republik verbreitet der FRBD über Piratensender seine Positionen zum politischen Geschehen, da eine Notverordnung nun auch das Vereinsblatt verbietet:
"Hier ist der Rote Sender an das rote Berlin (...)
Die Knebelung unserer Presse, Außerbetriebssetzung unserer Rotationsmaschinen, die Verbote unserer Versammlungen haben uns gezwungen, uns auf diesem Wege Gehör zu verschaffen." (zit. nach Dahl, Peter: Arbeitersender und Volksempfänger, Frankfurt/Main, New York 1980, S.80)

Aus heutiger Sicht stellt sich die Entwicklung des Rundfunks bis zu seiner Funktionalisierung durch die Nationalsozialisten als mehr oder minder geradlinige Vorbereitung auf seinen Einsatz als Propagandainstrument dar. Die Arbeiter-Radio-Bewegung war eine der wenigen Kräfte, die konsequent gegen die Einseitigkeit des Rundfunks argumentierte, um einer breiten Bevölkerungsschicht den Zugang zu diesem Medium zu verschaffen und es somit tatsächlich als demokratisches Kommunikationsmedium zu etablieren. Dieser Versuch ist gescheitert.
Heute wird das "Bürgerradio" allenfalls noch durch Einrichtungen wie den "Offenen Kanal" und einige unabhängige, nicht kommerzielle Sender wie "Radio Flora" in Hannover, Radio Dryecklland in Freiburg und natürlich andere kleine Sender mit politischem Anspruch repräsentiert.
Und Morgen ist es dann die mit Audio- und Videostream aufbereitete Sendung unabhängiger Aktivisten via Internet?


Empfehlungen für eine nähere Beschäftigung mit dem Thema:

Peter Dahl: Arbeitersender und Volksempfänger - Proletarische Radiobewegung und bürgerlicher Rundfunk bis 1945, Frankfurt am Main 1978

Hartmann Wunderer: Arbeitervereine und Arbeiterparteien. Kultur und Massenorganisationen in der Weimarer Republik (1890 - 1933), Frankfurt am Main, New York 1980

Friedrich Knilli: Deutsche Lautsprecher. Versuche zu einer Semiotik des Radios, Stuttgart 1972

Winfried B. Lerg, Rolf Steininger (Hrsg): Rundfunk und Politik 1923 - 1973, Beiträge zur Rundfunkforschung Bd. 3, Berlin 1975

Ausstellungskatalog: Wem gehört die Welt - Kunst und Gesellschaft in der Weimarer Republik, NGBK, Berlin 1977

 

 

Brecht's Radiotheorie


Zur radiotheoretischen Position von Bertolt Brecht

Radio hören kann man in Deutschland ab 1923. Ab 1927 erfährt der Rundfunk eine starke Verbreitung in der Öffentlichkeit. Eingebunden ist diese technische Entwicklung eines neuen, massenwirksamen Mediums in eine politisch unruhige Zeit. Die verschiedensten politischen Gruppierungen suchen die Macht des Mediums für ihre Interessen zu vereinnahmen. Zu dieser Zeit beginnt auch Bertolt Brecht sich mit den Möglichkeiten des Mediums auseinanderzusetzen. Er spricht von einer technischen Erfindung die nicht von der Öffentlichkeit gefordert worden sei, sondern sich der Gesellschaft als Chance innerhalb eines demokratischen Staates anböte. Nicht Bedürfnisse würden befriedigt, sondern ein Medium suche nach Bedürfnissen.

" Man hatte plötzlich die Möglichkeit allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen"

Brecht bemängelt an der gängigen Rundfunkpraxis der späten 20er Jahre, dass sie überwiegend auf Unterhaltung angelegt sei und somit der Ablenkung auch vom politischen Geschehen diene. Nach seiner Auffassung muss dem Rundfunk, der als neues Medium die breite Masse der werktätigen Bevölkerung erreicht, eine pädagogische Aufgabe zukommen. Der Hörer, der nun nicht mehr aus den Reihen der bürgerlichen Kulturkonsumenten kommt, muß seine passive Rolle verlassen und involviert werden.
Einen Weg der praktischen Umsetzung dieser Überlegungen entwickelt Brecht in seinen Radiolehrstücken. Das bekannteste davon ist der "Flug der Lindberghs" , der sich in einer Zeit der großen Technikbegeisterung an die erste Non-Stop-Überquerung des Atlantiks in einem Motorflugzeug durch Charles Lindbergh anlehnt. Lindberghs Atlantikflug wird nicht in einem literarischen Hörspiel erzählt, sondern erfordert die aktive Beteiligung des Hörers :
" Aufforderung an jedermann
Radio:
Das Gemeinwesen bittet euch: wiederholt
Durch das gemeinsame
Absingen der Noten
Und das Ablesen des Textes.

Hier ist der Apparat
Steig ein

So beginnt Brechts "Ozeanflug". In den "Erläuterungen zum Ozeanflug" schreibt er:

"Er ist ein Lehrgegenstand und zerfällt in zwei Teile. Der eine (...) hat die Aufgabe, die Übung zu ermöglichen, das heißt einzuleiten und zu unterbrechen, was am besten durch einen Apparat geschieht. Der andere pädagogische Teil ist im Text für die Übung: der Übende ist Hörer des einen Textteiles und Sprecher des anderen Teiles."

Brechts radiotheoretischen Schriften aus den zwanziger Jahren beinhalten zwei elementare Forderungen: - die Demokratisierung des Rundfunks
- die radikale Veränderung des Rundfunks; das Einsetzen des Hörers als
Produzent und Teilnehmer.
Brecht versucht, den Hörer zum Sprechen zu bringen - aus dem Empfangenden einen Beteiligten zu machen. Er konstruiert gleichzeitig ein Bild mit seinem Gegenbild. Darüber soll deutlich werden, daß das Neue nur entstehen kann, wenn man das Alte überwindet. Das Publikum soll deutlich sehen, was abzulehnen und was anzunehmen ist.
Sein Konzept zielt darauf, ein kritisches Bewußtsein über die politischen Veränderungen in Deutschland zu fördern und der Masse, die mit diesem neuen Medium erreicht werden kann, die Notwendigkeit einer proletarischen Revolution zu vermitteln.

"Der "Ozeanflug" hat also weder einen ästhetischen noch einen revolutionären Wert, der unabhängig von seiner Anwendung besteht, die nur der Staat organisieren kann. Seine richtige Anwendung aber macht ihn immerhin so weit "revolutionär", daß der gegenwärtige Staat keine Interessen hat, diese Übungen zu veranstalten."
.
Brecht engagierte sich bis zu seiner Vertreibung aus dem nationalsozialistischen Deutschland für einen anderen, einen pädagogischen Umgang mit dem Medium. Entwicklungen, die in der Arbeit des Rundfunks in diese Richtung deuteten und im Radio ein Instrument der Demokratie sahen, wurden mit der zunehmenden Einflussnahme der Nationalsozialisten und ihrer offensichtlichen Auslegung des Rundfunks als Propagandainstrument, d.h. die endgültige Funktionalisierung des Mediums, nachhaltig zunichte gemacht.

WEITERFÜHRENDE LITERATUR
Bertolt Brecht Junges Drama und Rundfunk
Vorschläge für den Intendanten des Rundfunks
Radio - eine vorsintflutlich Erindung?
Der Rundfunk als Kommunikationsapparat
In: Bertolt BrechtGroße kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe; hrg. W. Hecht, J. Knopf, Berlin - Weimar - Frankfurt/Main 1992

Bertolt Brecht; Gesammelte Werke 18; Schriften zur Literatur und Kunst I.; Frankfurt/Main 1967

Werner Mittenzwei; Das Leben des Bertolt Brecht oder Der Umgang mit dem Welträtseln; Berlin - Weimar 1988

Klaus-Dieter Krabiel; Brechts Lehrstücke. Entstehung und Entwicklung eines Spieltyps; Stuttgart 1993

W. B. Lerg; Rundfunkpolitik in der Weimarer Republik; München 1980

Friedrich W. Knellessen; Agitation auf der Bühne. Das politische Theater der Weimarer Republik Emsdetten 1970




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